Kreativität, die sich sanft wieder befreit

Strickst Du gerne?Ich hatte 25 Jahre lang Stricken komplett aus meinem Leben verbannt! Ich erinnere mich deutlich, dass ich es aus meinem Leben gestrichen habe: "Ist nicht meines, brauch ich nicht, will ich nicht mehr".

 

Im Herbst 2014 kam aus meiner Tiefe quasi über Nacht ein Impuls, ich könnte doch für mich was stricken! Ich war im ersten Moment selbst erst mal total verblüfft!  

 

Es war kein Drängen, sondern ein sanfter Impuls, wie ein liebevoller Vorschlag - und als er immer wieder kam, dachte ich, ja, nun, folge ich meiner "liebevollen Fühlstimme" (mittlerweile hatte ich ja gelernt, ihr zu vertrauen) und marschierte in den wunderschönen Woll-und Stoffladen im nächsten Dorf, den ich bis dahin nur vom Vorbeifahren kannte.

 

Der ein zentraler Treffpunkt aller kreativen Näh-und Strickfrauen aus der weiteren und näheren Umgebung ist, wie ich mittlerweile erkennen durfte.

 

Ich war von mir selbst überrascht!

Ich hatte die ersten Winterwochen mal wieder recht herum gefroren (es braucht immer Wochen, bis ich mich von Sommer in den Winter akklimatisiere) und es kam die Idee in mir auf, mir ein warmes Strickröckchen zu stricken, das ich über die Jeans anziehen könnte - in Regenbogenfarben, natürlich :-).

 

Ich lieh mir zunächst Stricknadeln von meiner Mutter (die auch ganz überrascht war!), kaufte mir sowas wie "Regenbogen-Wolle", ließ mir Instruktionen geben wie ein schlichtes Röckchen zu stricken sei - und saß dann kurz ratlos zu Hause. Ich wusste nicht mehr, wie überhaupt der Maschenanschlag geht. YouTube sei Dank fand ich sofort ein Video, das meine Fähigkeiten-Erinnerungs-Schublade öffnete und in kürzester Zeit: Strickte ich wieder! Und freute mich! Und war völlig von mir selbst überrascht, dass ich Freude dabei verspürte!

Was waren meine bisherigen Erfahrungen mit Stricken?

Dazu fallen mir zunächst mal nur bestimmte, einzelne Episoden ein, die auch gefühlte Erinnerungen enthalten.

 

Episode 1: 

Grundschule, 2. Klasse. Wir haben einen Teddy gestrickt. Glatt. Ich hab ihn in lila gestrickt. Die Lehrerin sagte, wir nähen ihn das nächste Mal zusammen. Ich habe ihn eifrig zu Hause schon zusammengenäht. Allerdings mit der linken Seite nach außen. Ich weiß noch vage, dass ich im Grunde erwartete, gelobt zu werden, dass ich den Teddy schon fertiggenäht habe- stattdessen wurde ich gerügt und sie nahm meine beiden Ohren in die Hand und zog mich strafend daran nach oben. Den Schmerz an den Ohren habe ich gar nicht mehr in Erinnerung- aber ein sehr gedemütigtes Gefühl. Und Trauer. Und Enttäuschung. Und ich hatte keine Lust mehr, mich zu engagieren.

 

Episode 3: 

Grundschule, 3. Klasse. Die Handarbeitslehrerin wiederholt immer wieder "Langes Fädchen, faules Mädchen". Noch heute höre ich das, wenn ich einen Knopf annähe. Und jedes Mal sage ich mir innerlich "Langes Fädchen, schlaues Mädchen" - und nehme extra einen längeren Faden. Freiheit!

 

Episode 3: 

Gymnasium, 5. Klasse. Mädchen haben Handarbeit. Jungs haben Werken. Ich würde viel lieber in Werken gehen! Bei meinem Cousin in Baden-Württemberg haben auch Jungs Handarbeit und Mädchen Werken. Sie dürfen wählen. Warum darf ich das nicht? Ich stricke einen Pullunder in grün-weiß mit Mustern. Es macht mir nicht so Spaß und es geht zäh voran. Das letzte Drittel strickt mir ausnahmsweise(!) meine Mutter fertig - inclusive Fehler, damit es nicht auffällt :-). Gefühle von "gezwungen werden" und "keine Freude" überwiegen.

 

(Meine Mutter ist übrigens begeisterte Näherin, Strickerin und Häklerin - sie hatte immer enorme Freude daran, uns Kinder damit zu versorgen).

 

Episode 4: 

Realschule, 10. Klasse.

Prüfungen sind durch, wir gehen 14 Tage in die Schule ohne Lernpflichten - nur den schönen Tanzkurs - und ich stricke begeistert (!) als totale Überraschung einen schicken Pulli(!) für - meinen festen Freund!

 

Mein Freund bekommt im Lauf der Jahre noch weitere zwei tolle Pullis  - modern und mit schönen Mustern. Er weiß sie auch zu schätzen und trägt sie gerne (sonst hätte ich nach dem ersten Pulli auch sofort wieder damit aufgehört).

 

Hier überwiegt eindeutig Freude: Vorfreude für mich, weil ich eine heimliche Überraschung plante und doppelte Freude, beim Überreichen und weil er die Pullis wirklich auch gerne trug.

 

(Meine Mutter ist hin und weg und sagte mir später, sie hätte nicht gedacht, dass ich mal so schön stricken würde.)

 

Gemeinsam mit den unangenehmen Gefühlen in die Versenkung

Für mich selbst- stricke ich in diesen Jahren zwar zwischendurch auch hie und da mal etwas, aber meistens mit möglichst großen Nadeln- um schnell fertig zu werden. Oder schnelle Projekte, damit es nicht lange dauert. Mich nervt das "Aufpassen müssen" und das Zählen und wenn ich wieder auftrennen muss, weil es nicht stimmt und so weiter…. Für mich selbst - bringt es keine Freude zu der Zeit.

 

Irgendwann später, berufliche Auslastung gestiegen, eigener Haushalt vorhanden, Freizeit weniger geworden - gab es diesen Punkt, wo ich entschied: Stricken ist nicht mein Ding! Auf meiner Hobbyrangliste rangiert es recht weit unten und im Zweifel: Male ich viel lieber!

 

Ich glaube, zum Zeitpunkt meiner Entscheidung überwogen die unangenehmen Gefühle, die ich mit Stricken verbunden hatte.

 

Und so packte ich es in die Versenkung und es fehlte mir auch kein bisschen!

Mein Tempo, mein Rhythmus - meine Freude!

Bis zu dem Tag 2014, als dieser erstaunliche Strickwunsch aus meiner Tiefe hoch kam! Ich bin sehr froh, dass ich den Wunsch nicht einfach stur wegfegte, sondern ihm neugierig folgte. Es war ja ein sanfter Impuls. Aus heutiger Sicht war es wie eine kleine Erneuerung aus meinem Inneren heraus. 

 

Allerdings! Heute stricke ich nur und ausschließlich zu meinen eigenen Bedingungen: In meinem eigenen Rhythmus, in meinem eigenen Tempo und - das hat sich nicht geändert - nur Teile, bei denen ich nicht ständig zählen, dauernd ab - oder zunehmen oder gar auf spezielle Muster achten muss. 

 

Ich habe in einer ersten euphorischen Stimmung nach meinen Röckchen und einigen Mützen 2015 auch einen einfachen Pullunder gestrickt - und an der Stelle mit Armausschnitt und Halsausschnitt -- wurde mir klar, nein, das nervt mich heute immer noch! Und jetzt kann ich auch klarer benennen, weshalb: Ich habe schon in meinem Beruf viel mit "genauem und präzisem" Arbeiten zu tun - ich will das nicht in meinem Hobby haben. Den Pullunder habe ich tapfer fertiggestellt (sogar nebst mehrmaligem Auftrennen und wieder Anfangen) - aber es hat für mich nichts mit "aus dem Inneren frei fließen lassen" zu tun, was mir beim Malen so sehr wichtig geworden ist.

 

Nun bin ich ja schon eine Zeit lang erwachsen und kann und darf ganz alleine für mich entscheiden :-)! Ob, wann und was ich stricke! Wie schön! Und ich stricke also einfach keine Klamotten oder Pullis und auch nichts unter Nadelstärke 5. Ich muss das nicht! Es macht mir einfach viel Freude, einfache, farbige Kreationen zu stricken, die "Loops" oder "Hängekragen" genannt werden und ich stricke weiterhin überwiegend im Winter und zwar "abends, während wir einen Film gucken". 

 

Einfache Kreationen - aber ich stricke sie in Freude für mich selbst und trage sie mit Freude!

 

Und hin und wieder verschenke ich sie auch, natürlich, weil mir auch das noch Freude macht!

Die sanfte Stimme, die mich ermuntert

Im Winter 2015/2016 hatte ich dann die Idee, für mich ein - in meinen Augen-  wunderschönes Regenbogenplaid zu stricken. Dieses Mal war es "nur für mich" und "voller Freude" und "relativ vorgabefrei" - und, was soll ich sagen, es gab trotzdem eine ganze Menge, wo ich wieder auftrennen und nachstricken musste. Die ganze Aktion barg einige interessante Erfahrungen und Erkenntnisse für mich!  Aber das  wird ein anderer Blogbeitrag unter der Rubrik "Kreativität". Hier kannst Du das Plaid auf Facebook ansehen, wenn du magst.

 

Für mich ist meine gestaltende Kreativität ganz stark mit "Freiheit" und "frei fließen lassen können" verbunden. Druck bzw. Ergebnisorientierung schränkt das kreative, freie Fließen bei mir eher ein. Doch jeder Mensch ist anders, es gibt Menschen, die erst unter Druck so richtig loslegen können. Und jeder von uns hat in seinem Leben ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, was seine Kreativität anging - vor allem als Kind- und jeder von uns hat bestimmte Gefühle damit verbunden und gespeichert. 

 

Natürlich gehört zur gestaltenden Kreativität auch dazu, dass ich Dinge erst mal lerne, dass ich es nicht von Anfang an kann und eine gewisse Ausdauer brauche, um es immer wieder zu tun und mich zu entwickeln. Ich bin heute der Meinung, dass aus der Freude heraus mein Lernen wesentlich freier und produktiver ist, als unter jeder Form von Druck. In meinem bisherigen Leben habe ich natürlich auch viel unter Druck gelernt - und war auch erfolgreich damit. Seit vielen Jahren wird es mir jedoch immer wichtiger, mein Lernen "von was auch immer" aus der freien, eigenen Wahl heraus zu erleben. Und sei es, dass ich mehr darauf achte, die Rahmenbedingungen dafür an meine Bedürfnisse so gut wie möglich auszurichten.

 

Was immer es also ist - ob nun Backen, Nähen, Löten, Schnitzen, Malen oder "was-auch-immer-gestalten" - dieser feine Impuls, der uns liebevoll und sanft ermuntert, es einfach mal zu TUN - er ist es wert, gehört zu werden. Mir hat diese liebevolle Stimme geholfen, mich selbst zu überraschen und zu erfahren, dass die scheinbar gleiche Tätigkeit unter anderen Voraussetzungen sich ganz anders anfühlen kann. Das Stricken an sich ist neutral. Meine unangenehmen Erfahrungen hatten eher mit der Art und Weise zu tun gehabt, wie es zu mir transportiert worden war. Und so ist dieses Erlebnis rund um das Stricken für mich auch gleichzeitig Metapher für alle möglichen Erlebnisse und Erfahrungen. Ich glaube, da hat sich damit ein weiterer Teil meiner natürlichen Kreativität sanft und liebevoll befreit.

 

Ein Türchen geöffnet und etwas verwandelt. Das geht im Kleinen, wie im Großen.

 

Und ganz nebenbei bringe ich in viele Bereiche in meinem Alltag damit "mit meiner Freude getränkte Farbtupfer" ein.

 

Gibt es da vielleicht auch eine sanfte Stimme in Dir, die Dich anstupst, immer wieder, und die von Dir gehört werden möchte?

 

 

Herzlich,

 

Elke Ulrike