Erwartungen loslassen lernen: Was hat mein Kiwi damit zu tun

Wie oft halten wir an inneren Vorstellungen fest und erwarten, dass sich etwas genau so entwickelt, wie wir glauben, dass es sein sollte?

 

Und bemerken unterwegs nicht, dass es sich genau vor unserer Nase längst vollendet und seine natürliche Perfektion erreicht hat?

 

Erwartungen loslassen lernen. Das Dauerthema im bewegten Leben - das sich in unendlichen Facetten zeigt und mit uns tanzt.

 

Mein Kiwi hat mir das auf liebevolle Weise eindrucksvoll demonstriert.

 

In süßer Einfachheit.

 

 

Erwartung und Enttäuschung

Letztes Jahr haben wir für unsere Terrasse eine Kiwi-Pflanze gekauft. Die Terrasse hat Ausrichtung nach Süd-West und ein Glasdach, was vielen Pflanzen im Sommer zu heiß ist. Wir wünschten uns außerdem einen mehrjährigen Kletterer. Die Beratung in einem Pflanzenhof hat uns auf die Kiwi-Pflanze gebracht. Eine Pflanze, die sich genau da wohlfühlen würde und wir können zudem noch leckere Kiwi-Beeren von der Hand in den Mund ernten? Mein Mann und ich waren schnell überzeugt!

 

Die Pflanze war offensichtlich auch einverstanden, wuchs und gedieh in ihrem großen Kübel und bald schon war sie übersät mit wunderschönen kleinen Blüten. Die Bienen kamen und gingen -pardon, flogen-  und  einige Zeit danach bildeten sich viele kleine, grüne Fruchtknubbel.

 

Wir freuten uns und sahen zu, wie sie langsam größer wurden. Als die Fruchtstände etwa zwei Zentimeter Länge erreicht hatten, waren wir schon aufgeregt: Die ersten Kiwis aus heimischer Luft! Ich sah mich schon Körbchen mit all diesen Kiwis füllen…

Derweil die Pflanze begann, gelbe Blätter zu bekommen.

 

Worauf ich etwas Dünger in die Erde grub.

 

Die Blätter wurden nach und nach trotzdem gelb. Die kleinen Kiwi-Knubbel blieben grün und unverändert um die zwei Zentimeter groß.

 

Es wurde Spätsommer und ging in den September hinein, wenn ich mich recht entsinne. Ich dachte mir öfter: "Jetzt bin ich aber schon enttäuscht.  Anscheinend wird das nichts mit Kiwi-Ernte. Die Früchte sind noch nicht mal ausgereift, und die Pflanze zieht sich schon zurück ….?".

 

Auch mein Mann begann, ähnliche Bemerkungen zu machen. 

 

Unser Zusammenleben mit den Kiwis schien nicht geklappt zu haben. 

Überraschung!

Ich meine, es war schon Ende September, als wir an einem Tag auf der Terrasse einige "Herbst-Vorbereitungs-Arbeiten" verrichteten.

Wir sprachen wieder darüber, wie enttäuscht wir sind, dass es mit den Kiwis nicht geklappt hat und das, obwohl doch die Dame vom Pflanzenhof total überzeugt war, dass es der passende Standort sei. 

 

Mein Mann zupfte aus einem Impuls heraus schließlich eine Frucht ab. Er bemerkte erstaunt, dass sie sehr weich war - und beschloss darauf hin, einfach mal eine zu essen. Es folgte sein verblüffter Ausruf! "Nimm auch mal eine!"

 

Ich probierte daraufhin auch und war total überrascht: Sie war süß! Genauer gesagt, schmeckte sie schon überreif!

 

Wir schauten uns verblüfft an - das Erlebte sickerte langsam in uns ein - und es wurde klar:

 

Na, da sind wir ja schön auf unsere festen Erwartungen hereingefallen!

Die Kiwis taten einfach, was Kiwis tun

Jahr für Jahr kaufen wir Kiwis im Supermarkt oder bekommen sie mit der Ökokiste geliefert:

 

Kiwis die dick und rund sind.

Kiwis, die zirka vier Zentimeter Durchmesser und sechs Zentimeter Länge haben!

Kiwis, die außen braun oder golden sind - niemals jedoch grün.

 

Kleine Kiwis, die nur zwei bis drei Zentimeter groß werden? Grün noch dazu?

Wir hatten beide so etwas bis dahin noch nie gesehen.

 

Schnell mal im Internet nachgelesen: Tatsächlich! Die "Chinesische Stachelbeere" bewegt sich in dieser Größe!

 

Wir hatten also wochenlang den reifenden Kiwis zugesehen - und erwartet, dass sie in die Größe unserer geistigen Vorstellung hinein wuchsen!

 

Natürlich hatte ich die Knubbelchen im Sommer auch noch angefasst, mich manchmal sogar bedankt, dass sie so schön sind und bei uns wachsen. Da sich die Größe und die grüne Farbe aber weiter nicht änderten, dachte ich, mit dem Wachstum klappt was nicht:

"Was haben wir falsch gemacht? Ist die Pflanze nicht gesund? Habe ich zu viel oder zu wenig Dünger gegeben?". Angefasst hatte ich sie dann auch nicht mehr.

 

Die Kiwis hingegen blieben sich einfach selbst treu und taten, was Kiwis tun :-).

Erwartungen loslassen in vielen Facetten

Wenn wir etwas gestalten oder erreichen oder angehen wollen, ist es hilfreich, dass wir eine Vorstellung haben. Wie es aussehen mag, was wir damit umsetzen möchten, wie wir uns fühlen, wenn wir es erreicht haben werden. Unsere Ideen, die Bilder und Gefühle beinhalten und uns Kraft geben, los zu gehen oder auch wieder weiter zu machen. 

 

Manchmal gibt es aber auch einen Punkt, wo wir uns so auf diese Vorstellung fixieren, dass wir am Wesentlichen vorbeilaufen oder ihm den Rücken kehren. Und bemerken nicht, dass es sich genau vor unserer Nase längst vollendet und seine natürliche Perfektion erreicht hat. 

 

... wenn auch anders, als erwartet.

 

Erwartungen loslassen lernen. Ja, ich finde, das ist ein Grundthema in unserem bewegten Leben mit unendlichen Facetten.

Den Weg für weitere Möglichkeiten frei lassen

Ich habe mich wieder erinnert: "Die Dinge sind nicht immer, was sie zu sein scheinen". Nicht mal Kiwis :-)

 

Erwartungen an sich sind weder gut noch schlecht. Sie können uns dienen, uns unterstützen und beflügeln! Oft beschützen sie uns auch. Unangenehm kann es dann werden, wenn wir Erwartungen haben, die uns blockieren. Manchmal merken wir es auch nicht gleich - siehe Kiwi.  Solche Erlebnisse wie mit unserer süßen Kiwi finde ich daher so wertvoll - weil sie mir helfen, meine Aufmerksamkeit dorthin zu lenken: Aha, ich habe ja alle möglichen Erwartungen an das Thema X. Unterstützen sie mich? Dienen sie mir? Oder bremsen sie mich aus?

 

Mir fällt gerade ein Spruch ein, den ich als Schülerin auf meinem Aufgabenheft stehen hatte: "Wenn Deine Grundsätze Dich traurig machen, verlass' Dich darauf: Sie sind falsch". Ich glaube, das lässt sich genau so auf meine Erwartungen übertragen.

 

Ob im kleinen oder großen: Erwartungen loslassen lernen heißt nicht, dass mir etwas völlig egal ist. Es heißt nur, dass ich üben kann, die Erwartung nicht wie ein Bollwerk mitten im Weg stehen zu lassen - sondern dass es hilfreich ist, sie ein Stück auf die Seite zu schieben, an den Wegesrand. So kann ich jederzeit zu ihr zurückkehren - aber sie behindert mich auch nicht, wenn der Weg sich doch anders weiterentwickelt. Ich lasse den Weg somit frei für weitere Möglichkeiten. Und sollte ich dann doch nicht zu ihr zurückkehren, werde ich sie auch nicht vermissen. 

 

Eine Prise Bewusstseins-Erweiterung - so süß und einfach! Diese Episode war für mich sehr wertvoll!

Danke, liebe Kiwi-Pflanze, für diese liebevolle, einfache Demonstration!

 

In diesen Tagen hängt unsere schöne Kiwi-Pflanze übrigens wieder voller Früchte. Es sind mehr als letztes Jahr und diesmal bis zu drei Zentimeter lang. Jetzt sehe ich nicht nur hin - sondern streichle und knuffe die Früchte immer mal wieder, um mitzubekommen, wann sie reif sind. Mir ist zudem aufgefallen, wie praktisch die kleinen Kiwis sind: Ich brauche weder Messer, noch Löffel, um sie zu genießen.

 

Einfach und süß.

 

Weißt Du was, bei der Gelegenheit wünsche ich Dir gleich noch, dass Du irgendetwas heute auch so genießen kannst:

Einfach - und vielleicht sogar auch süß.

 

Herzlich,

 

Elke Ulrike